Ein Qi, viele Körper – warum TCM bei Pferd, Hund (Katze) und Mensch dieselbe Sprache spricht

Oct 12, 2026 · @svenjamayeres
Ein Herbstmorgen auf dem Hof
Es ist kurz nach sieben. Der Wind kommt aus Westen, feucht und kalt. Meine Pferde stehen mit dem Hintern zum Wetter, das Fell schon dicker als vor drei Wochen. Ich ziehe den Schal höher. Und während ich Heu verteile, merke ich: Wir machen gerade alle dasselbe. Wir ziehen uns zusammen. Wir schützen unsere Grenze nach außen. Wir bereiten uns auf den Winter vor.
In solchen Momenten wird mir immer wieder bewusst, warum ich nie verstanden habe, weshalb man die Traditionelle Chinesische Medizin in Schubladen sortiert: hier die TCM für Pferde, dort die für Hunde und Katzen, ganz woanders die für Menschen. Als wären das verschiedene Welten.
Sind sie nicht. Die TCM schaut nicht zuerst auf die Art. Sie schaut auf das Leben selbst.
Die TCM hat eine Landkarte – und die passt auf jedes Lebewesen
Die westliche Sicht beginnt oft beim Bauplan: Wie viele Mägen, wie viele Zehen, welche Knochen. Da gibt es natürlich riesige Unterschiede zwischen einem Pferd, einer Katze und dir.
Die TCM beginnt woanders. Sie fragt: Wie fließt hier Lebenskraft? Wo staut sie sich, wo fehlt sie? Wie geht dieses Wesen mit Hitze und Kälte, mit Feuchtigkeit und Trockenheit, mit Ruhe und Bewegung um?
Dafür hat sie eine Landkarte, die erstaunlich einfach ist:
Qi – die Lebenskraft, die alles bewegt.
Yin und Yang – Ruhe und Aktivität, Nähren und Antreiben, Nacht und Tag.
Die Fünf Elemente – Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser, die Phasen, in denen sich alles Lebendige wandelt.
Die Meridiane – die Wege, auf denen das Qi durch den Körper zieht.
Nichts davon ist für eine bestimmte Tierart erfunden worden. Es sind Naturbeobachtungen. Und die Natur macht keinen Unterschied zwischen Fell und Haut.
Was ich bei meinem Lehrer gelernt habe
Ich habe die TCM bei einem Tierarzt gelernt, der lange in Taiwan und China gelebt hat und bis heute nach diesen Traditionen lebt. Was mich am meisten geprägt hat, war nicht ein bestimmter Punkt oder eine bestimmte Technik. Es war seine Haltung.
Er hat ein Pferd angeschaut, wie er einen Menschen anschaut. Er hat beobachtet, wie es steht, wie es atmet, wie es frisst, wie es auf Wetter reagiert, wie es mit anderen umgeht. Und er hat daraus ein Bild gelesen, das er genauso bei einem Hund oder bei sich selbst erkannt hätte.
Die Meridiane verlaufen beim Pferd anders über den Körper als bei uns, weil der Körper anders gebaut ist. Aber es sind dieselben Meridiane, mit denselben Aufgaben, in derselben Reihenfolge, im selben Tagesrhythmus. Der Lungenmeridian ist beim Pferd der Lungenmeridian. Der Leber-Meridian bleibt der Leber-Meridian. Die Landkarte wird an den Körper angepasst – aber sie bleibt dieselbe Landkarte.
Aus Lehrzeit wurde Freundschaft, aus Freundschaft eine Partnerschaft, die seit zwölf Jahren besteht. Und dieser Blick ist mir geblieben: Ich sehe nicht zuerst das Pferd, den Hund oder die Frau vor mir. Ich sehe zuerst das Qi, die Energie des Lebens.
Gleiche Natur, gleiche Jahreszeiten
Am deutlichsten wird es im Jahreskreis. Wir leben alle unter demselben Himmel.
Gerade jetzt im Herbst regiert das Metall-Element. Es gehört zu Lunge und Dickdarm, zu Haut und Fell, zur Atmung und zum Loslassen. In dieser Zeit wechselt das Pferd sein Fell. Der Hund haart, die Katze sucht die warme Ecke. Und wir Menschen? Wir merken die trockene Heizungsluft auf der Haut, wir werden nachdenklicher, manchmal ein bisschen wehmütig. Wir räumen auf, sortieren aus, lassen los – wie die Bäume ihre Blätter.
Das ist dasselbe Prinzip, nur in verschiedenen Körpern.
Im Frühling, wenn das Holz-Element aufbricht, explodiert die Energie: Pferde buckeln auf der Weide, Hunde sind kaum zu halten, und wir haben plötzlich Lust, alles umzukrempeln. Im Sommer, im Feuer, wird es laut, gesellig, hell. Im Spätsommer, in der Erde, wird es satt und ruhig. Und im Winter, im Wasser, zieht sich alles zurück in die Tiefe, um Kraft zu sammeln.
Wer diesen Kreislauf einmal bei seinem Tier beobachtet hat, entdeckt ihn bei sich selbst. Und umgekehrt.
Fünf Elemente – auf vier Beinen und auf zwei
In meiner Arbeit begegnen mir die Elemente-Typen immer wieder, quer durch alle Arten.
Da ist das Feuer, die jeden auf der Weide begrüßt, immer im Mittelpunkt steht und schnell aus dem Gleichgewicht gerät, wenn es zu viel Trubel wird. Ich kenne genauso den Feuerhund und die Feuerfrau, die Herzlichkeit verströmt und abends nicht zur Ruhe findet.
Da ist die Erde, gemütlich, verlässlich, ein Fels in der Herde – und gern ein bisschen zu fürsorglich mit seinem Futter. Kennst du auch Menschen, die für alle sorgen und sich selbst dabei vergessen?
Da ist das Holz, das klare Ansagen braucht und sofort zeigt, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Das Metall, fein, korrekt, sensibel für jede Unordnung. Das Wasser, vorsichtig, tief, mit einer stillen Kraft, die man erst auf den zweiten Blick sieht.
Die Charaktere sind nicht an eine Art gebunden. Sie sind Ausdruck davon, wie das Qi in einem Wesen bevorzugt fließt.
Und doch: Wo es Unterschiede gibt
Keinen Unterschied in der Sichtweise heißt nicht, dass alles gleich ist.
Drei Dinge sind mir wichtig:
Der Körper ist verschieden. Ein Pferd ist ein Fluchttier mit einem empfindlichen Verdauungssystem, das auf Dauerfressen ausgelegt ist. Eine Katze ist ein kleiner Jäger. Wir sind Menschen mit einem Kopf, der gern alles überdenkt. Deshalb sehen Ernährung, Bewegung und Berührung bei jedem anders aus. Das Prinzip bleibt, die Umsetzung wird angepasst.
Die Sprache ist verschieden. Ein Pferd erzählt dir nicht, wie es geschlafen hat. Es zeigt es dir – in seiner Haltung, seinem Blick, seinem Fell, seiner Reaktion auf Berührung. Tiere sind darin ehrlicher als wir. Menschen können erzählen, aber wir überhören uns oft selbst. Deshalb geht es in meiner Arbeit mit Frauen viel darum, die eigenen Zeichen wieder wahrzunehmen, so aufmerksam, wie wir es bei unseren Tieren längst tun.
Die Verantwortung ist verschieden. Für dein Tier entscheidest du. Für dich selbst – darfst du entscheiden. Das ist vielleicht der schönste Unterschied: Ein Mensch kann selbst mitwirken, jeden Tag, mit dem, was er isst, wie er sich bewegt, wie er mit sich spricht.
Und ein klarer Rahmen gehört auch dazu: Bei Tieren arbeite ich therapeutisch. Bei Menschen begleite ich im Bereich Wohlbefinden, Alltag und Selbstwahrnehmung – das ersetzt keine ärztliche oder heilpraktische Behandlung.
Dein Tier als Spiegel
Vielleicht kennst du das: Du kümmerst dich hingebungsvoll um dein Tier. Du weißt, welches Futter es verträgt, wann es die Wärme braucht, wie es sich anfühlt, wenn es verspannt ist. Und für dich selbst? Kaffee im Stehen, zu wenig Schlaf, und das Ziehen im Nacken ignorierst du seit Wochen.
Genau hier wird die gemeinsame Sprache der TCM so wertvoll. Was du bei deinem Pferd siehst, kannst du lernen, bei dir zu sehen. Die Stute, die im Herbst empfindlich auf Wind reagiert. Die Frau, die im Herbst traurig wird und nicht weiß, warum. Dasselbe Element, dieselbe Jahreszeit, dieselbe Einladung, gut für sich zu sorgen.
Viele Frauen, die zu mir kommen, haben über ihre Tiere zur TCM gefunden. Und irgendwann stellen sie die Frage, die alles verändert: Und was ist eigentlich mit mir?
Ein Qi, viele Körper
Das ist für mich der Kern: Es gibt nicht eine TCM für Pferde, eine für Hunde und eine für Menschen. Es gibt eine Art, das Leben zu verstehen. Sie gilt für alles, was atmet, frisst, ruht und sich wandelt.
Wenn du einmal angefangen hast, so zu schauen, hört es nicht beim Stall auf. Dann siehst du die Jahreszeiten in dir. Die Elemente in deiner Familie und Tieren. Das Qi in deinem Alltag.
Und das ist kein Wissen, das man auswendig lernen muss. Es ist ein Erinnern an etwas, das Tiere nie vergessen haben.
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